Fotorealismus?

Während Fotorealismus in der Malerei lediglich einen Spezialfall darstellt – er kam erst in den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren auf -, ist er in der aktuellen 3D-Grafik so etwas wie der heilige Gral. Das ist an sich erst mal nichts Verwerfliches – das Problem ist nur, wenn man dabei stehenbleibt. Mittlerweile hat die 3D-Grafik ja ein Level erreicht, bei dem digitale Charaktere nicht mehr von gefilmten Schauspielern zu unterscheiden sind – oder wenn, dann sind die Unterschiede wirklich minimal. Filme wie der 2017 herausgekommene “Blade Runner 2049“ und die von der Visual FX-Firma Double Negative für diesen Film erzeugten digitalen Schauspieler zeigen exemplarisch, welches Niveau wir mittlerweile erreicht haben.

Das bringt mich aber zu einem Problem, das ich bereits in meinem Beitrag “Analoge und digitale Kunst“ angeschnitten habe, nämlich dass es – noch – an bildenden Künstlern fehlt, die sich der neuen Medien (und hier vor allem der Computergrafik) bedienen, um darin einen eigenen künstlerischen Ausdruck zu finden. In der Malerei scheint alles erreicht, und ich habe beinahe den Eindruck, dass wir uns in einer Phase der künstlerischen Stagnation befinden, und dass es nun darum geht, sich neu zu orientieren.

Ich persönlich wünsche mir Künstler, die – vor dem Hintergrund dessen, was die Malerei bereits erreicht hat und im Bewußtsein einer zumindest Jahrhunderte alten Tradition – mit den neuen Medien zu einem tieferen künstlerischen Ausdruck finden, der den Fotorealismus hinter sich läßt. Fotorealismus ist für mich, wenn überhaupt, nur als etwas erstrebenswert, das der Technik dient. Es ist gut, wenn man es beherrscht, aber es ist nicht gut, dabei stehenzubleiben. Kreativität – gerade im Bereich „Portrait“ – bedeutet für mich, das gewählte Medium zu nutzen, um einen ganz eigenen künsterischen Ausdruck zu finden. Fotorealismus ist für mich per se etwas völlig Unkünstlerisches und – wie schon gesagt – nur unter rein technischen Aspekten Erstrebenswertes.

Als ein Beispiel von vielen mag das folgende Selbstportrait von Vincent van Gogh von 1889 dienen, das inzwischen im Musée d‘Orsay ausgestellt ist.

Hier, wie in seinem ganzen Werk, macht van Gogh nicht einmal den Versuch einer Annäherung an so etwas wie Fotorealismus. Schon allein der vibrierende Hintergrund ist ganz in den Dienst eines eminenten künstlerischen Ausdruckwillens gestellt. Das ganze Bild scheint zu vibrieren, allein der Kopf stellt einen Ruhepol dar. Das ist denn meiner Ansicht nach auch das beste Selbstportrait, das uns van Gogh hinterlassen hat. Van Gogh schrieb an seine Schwester:„Ich suche eine tiefere Ähnlichkeit als die, die der Fotograf erhält“.

Ein weiteres Beispiel ist ein Portrait der Jeanne Hébuterne von Amedeo Modigliani, in dem der Maler ganz bewußt anatomische Unmöglichkeiten wie die viel zu lange Nase und den ebenfalls viel zu langen Hals einsetzt.

Ich frage mich da: Wo sind die digitalen Künstler, die so etwas wagen, die sich von dem scheinbaren Zwang zum Fotorealistischen befreien? Und: Wie lange müssen wir noch warten, bis etablierte Kunstgalerien und Museen sich den digitalen Medien öffnen und diesen einen neben den „konventionellen“ Medien wie Malerei oder Bildhauerei gleichwertigen Status einräumen? Wir müssen vermutlich noch so lange warten, bis digitale Künstler auf der Bildfläche erscheinen, deren Ausdruckswille so stark und deren Werke so überzeugend sind, dass Galerien und Museen nicht mehr daran vorbeikommen. Wie lange wir da warten müssen, steht allerdings in der Sternen.

Noch ein Wort zum Thema Copyright: Wie mir die VG Bild-Kunst mitgeteilt hat, sind die beiden hier abgebildeten Gemälde nicht mehr urheberrrechtlich geschützt.

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Analoge und digitale Kunst

Nachdem ich mich inzwischen seit 1980 mit bildender Kunst und hier vor allem der Malerei auseinandersetze, beschäftigt mich ein Thema immer wieder: dass es noch wenige Künstler von Rang gibt, die mit dem relativ neuen digitalen Medium arbeiten. Auch hat die digitale Kunst in Museen und Galerien noch nicht die Anerkennung gefunden wie etwa Malerei, Bildhauerei oder Fotografie. Über die Gründe mag man spekulieren; es gibt dazu m. W. noch keine fundierte Untersuchung. Ein Grund hierfür könnte der sein, dass es in der relativ neuen Computergrafik rein vom zeitlichen Aspekt her gesehen noch gar nicht die Möglichkeit gab, Standards wie etwa in der Malerei zu etablieren, die ja auf eine Jahrhunderte umfassende Geschichte zurückblicken darf.

Dem Standardwerk CG 101 von Terrence Masson nach entstand die allererste Radiosity-Grafik von Moon und Spencer 1948 am MIT. Die theoretischen Grundlagen hierfür wurden 1934 – also vierzehn Jahre früher – von H. H. Higbie in seinem Buch „Lighting Calculations“ veröffentlicht. 1950 kreierte der amerikanische Künstler Ben F. Laposky unter Zuhilfenahme eines Oszilloskops die wohl ersten elektronisch erzeugten Kunstwerke, die er „Oszillons“ nannte. Nur sieben Jahre später – 1957 – schuf Russel Kirsch das erste bildbearbeitete („image-processed“) Foto und legte damit die Grundlage für den 1990 von John und Thomas Knoll auf den Markt gebrachten Photoshop. Nur fünf Jahre vor dem Erscheinen von Photoshop, also 1985, kam der Amiga auf den Markt, für den u. a. die Grafikprogramme Sculpt 3D und Deluxe Paint II verfügbar waren. Damit wurde Computergrafik auch für Künstler erschwinglich. So hat Andy Warhol ein Portrait der Sängerin Debbie Harry am Amiga verfremdet, und nicht nur einer der später etablierten Namen in Computergrafik und Visual FX hat mit einem Amiga angefangen.

Im Verlauf der Achtzigerjahre wurden auch so wichtige Firmen wie Alias Research (später: Alias|Wavefront und noch später einfach Alias®) und Silicon Graphics gegründet. Alias Research sollte 1998 das High-end-3D-Programm Maya herausbringen, Silicon Graphics etablierte sich als Hersteller von High-end-Grafikstationen.

Inzwischen ist die Entwicklung gerade im High-end-Bereich so rasant fortgeschritten, dass nichts mehr unmöglich scheint. Eine der meiner Ansicht nach spannendsten Entwicklungen ist hier die Arbeit an glaubwürdigen digitalen Charakteren, die von richtigen Menschen nicht mehr unterschieden werden können. Die Technik ist also da, aber wo sind die Künstler, die diese Technik auch nutzen? Dazu muß ich aber noch etwas ergänzen. Der Begriff „Digital Artist“ wird ja oft benutzt. Für mich gilt hier aber erst einmal die Unterscheidung in Gebrauchskunst und Bildende Kunst, und digitale Kunst, wie sie derzeit vorherrscht, ist meiner Ansicht nach in erster Linie Gebrauchskunst. Auch Matte Painting gehört dazu, auch der Großteil der Visual FX. Wo aber, so frage ich mich, sind die bildenden Künstler, die mit den neuen digitalen Medien arbeiten, Künstler wie Vincent van Gogh, wie Henri Matisse, wie Amedeo Modigliani, wie Alberto Giacometti? Wo ist der Charlie Parker des Digital Age? Leben wir gar derzeit in einer Phase der künstlerischen Stagnation, in der alles zu Sagende gesagt ist und eine neue Perspektive fehlt? Es scheint fast so.

Ich bin ja kein Kunsthistoriker, der den Sachverhalt wohl genauer beleuchten könnte; ich stelle hier nur einmal die von mir aufgeworfenen Punkte zur Diskussion, in der stillen Hoffnung, dass uns das einen Schritt weiter bringt. Ein Aspekt, den ich hier noch gar nicht angeschnitten habe, ist der, dass die digitalen Medien, allen voran die 3D-Grafik, eben eine gewisse Einarbeitungszeit benötigen, die bildende Künstler, wie etwa Maler, um nur ein Beispiel zu nehmen, vielleicht nicht gewillt sind auf sich zu nehmen. Ich meine, ich weiß es nicht; es ist eben ein möglicher Aspekt unter vielen. Ein anderer Aspekt wäre etwa der, dass freie Künstler mangels Einblick in die Materie die Möglichkeiten der digitalen Medien (noch?) nicht sehen. Wie schon gesagt: Ich weiß es nicht. Ich würde mir aber wünschen, dass Künstler, die sich bisher nur mit „analogen“ Medien auseinandergesetzt haben, auch einen Zugang zu den neuen digitalen Medien finden. Nur so, meine ich, könnten sich so etwas wie künstlerische Standards entwickeln, die sich gegenüber denen der etablierten Medien wie Malerei behaupten können.