Das Gebot der Stunde oder Von der langweiligen analogen Kunst

Heute abend habe ich einen Abstecher nach Stuttgart gemacht, um auf eine Vernissage der Galerie Strzelski zu gehen. Die dort ausgestellten Arbeiten, die von außen durch die Glasscheibe zu sehen waren, fand ich aber so langweilig, dass ich erst gar nicht hineingegangen bin.

Ich komme deswegen – auch anknüpfend an meinen Beitrag „Analoge und digitale Kunst“ – immer mehr zu der Überzeugung, dass die Kunst der Zukunft digital ist, weil mit konventionellen Mitteln schlicht und einfach nichts wirklich Neues mehr gesagt werden kann.

Das mag eine angreifbare Position sein, aber ich mag schon fast gar nicht mehr in eine Kunstgalerie gehen, weil da die Enttäuschung eigentlich schon vorprogrammiert ist, und mir tun die Maler ehrlich gesagt fast leid, die sich da noch mit Pinsel und Farbe abmühen, statt sich – für mich das Gebot der Stunde – den neuen digitalen Medien zuzuwenden.

Advertisements

Die Zukunft ist digital

Je mehr ich darüber nachdenke, desto fester bin ich der Überzeugung, dass die Kunst der Zukunft digital sein wird. Wenn ich mir irgendwelche Websites von Galerien anschaue, ist da kaum etwas dabei, das mich irgendwie umhauen würde. Ich habe den Eindruck, dass es in der – tja, wie sage ich das? – „herkömmlichen“ Kunst (der „analogen“) nichts wirklich Neues gibt. Dabei ist mir durchaus klar, dass das ein anfechtbarer Standpunkt ist, aber so sehe ich das nun mal.

Erfreulich ist beispielsweise, dass Galerien wie die Fotogalerie LUMAS, die immerhin weltweit an über 40 Standorten vertreten ist, auch digital arbeitende Künstler wie den hier in diesem Blog bereits vorgestellten Gerhard Mantz im Programm haben, und auch die derzeit im Stuttgarter Kunstmuseum zu sehende Ausstellung Mixed Realities mit ihren teilweise digitalen Exponaten ist meiner Ansicht nach ein Schritt in die richtige Richtung. Nun wäre nur noch zu wünschen, das mehr bildende Künstler sich dem digitalen Medium annehmen – sei dies etwa 3D-Grafik oder auch digital painting mit Photoshop.

Was ist das?

Test-Render in Blender

Das ist ein Test-Render, den ich gerade in Blender gemacht habe. Das Model ist einfach ein Kreis, den ich mehrfach skaliert und extrudiert habe. Ok, und jetzt nennen wir das Ganze „Dualität“, und schon ist es eine digitale Skulptur. Jetzt müssen wir nur noch einen Galeristen finden, dem wir das (mit möglichst komplizierter Interpretation) verkaufen können, und voilà – schon sind wir ein digitaler Künstler. Einfach, was?

Vernissage „Mixed Realities“

Fassade des Kunstmuseums Stuttgart

Gestern abend bin ich nach Stuttgart gefahren und war auf der Vernissage der Ausstellung „Mixed Realities“ im Kunstmuseum. Das ist ja im Stuttgarter Raum die erste Ausstellung ihrer Art, und ich finde es erfreulich, dass das Kunstmuseum der neuen digitalen Kunst ein Forum bietet, auch wenn die Ausstellung nicht ausschließlich digitale Exponate zeigt.

Im Vorfeld etwas skeptisch, war ich insbesondere von dem digitalen Bild „Cutting Sunday“ des Swan Collective angetan, das auf einem großen Flachbildschirm zu sehen ist.

Dann gab es noch eine VR-Installation, die aus einem dreidimensionalen weißen Drahtgitter-Labyrinth vor einem Hintergrund aus Wolken bestand, durch die man mittels eines Joysticks navigieren konnte. Mir ist es aber andauernd passiert, dass, wenn ich vorwärts navigieren wollte, das Bild sozusagen „umgekippt“ ist, was schon etwas verwirrend war. Ich habe die VR-Brille dann auch bald wieder abgesetzt.

Die übrigen Exponate haben mich ob ihrer Sterilität aber nicht besonders angesprochen, so wie auch mein Gesamteindruck der Ausstellung der war, dass sie sehr „zerebral“ ist, also hauptsächlich den Verstand ansprechen soll. Rein ästhetisch war – das ist wiederum mein subjektiver Eindruck – einzig das Ausstellungsstück des Swan Collective interessant.

Trotz allem möchte ich Interessierten die Ausstellung doch empfehlen, zumal für Leute, die VR bisher nicht kennen.

Kunstmuseum Stuttgart: „Mixed Realities“

Ab dem 5. Mai 2018 (Vernissage am 4. Mai um 19 Uhr) wird in Stuttgarter Kunstmuseum die Ausstellung „Mixed Realities. Virtuelle und reale Welten in der Kunst“ gezeigt.

Zitat:

„Als erste museale Einrichtung in der Innovations- und Technologieregion Stuttgart präsentiert das Kunstmuseum Stuttgart exemplarisch sechs künstlerische Positionen, die sowohl mit analogen als auch mit digitalen Verfahren arbeiten. Tim Berresheim, Spiros Hadjidjanos, Daniel Steegmann Mangrané, Mélodie Mousset, Regina Silveira und The Swan Collective verwenden gleichermaßen Elemente der physisch-realen sowie der virtuellen Welt und verbinden beide in ihren Werken.“

Ich bin schon gespannt, ob unter den gezeigten Werken etwas ist, das mich interessiert.

Nachtrag: Ich habe mir im Internet Werke aller teilnehmenden Künstler angeschaut. Leider war nichts dabei, was mich irgendwie angesprochen hätte. Dabei ist rein technisch so viel möglich, aber allem Anschein nach fehlen da bei den Künstlern a) das entsprechende Bewußtsein oder b) die entsprechenden technische Fähigkeiten. Es tut mir leid, wenn ich das sagen muß, aber da kann jeder Hobby-User bei Blender Artists – zumindest rein technisch gesehen – mehr.

Kontrovers

Ich habe festgestellt, dass das im Augenblick bei mir das Phänomen einstellt, dass ich zuerst einen kritischen Artikel schreibe, in dem ich meinen Unmut über die gegenwärtige Situation der digitalen (sofern schon vorhanden) und „analogen“ (ein schreckliches Wort; aber was sollte ich statt dessen schreiben? „traditionell“? „etabliert“? hmm … schwierig) ausdrücke – nur um im Nachhinein festzustellen, dass ich es mir da doch etwas zu einfach gemacht habe. Ich bin ja gerade selbst dabei, mich in das 3D-Programm Blender 2.79b einzuarbeiten und weiß aus eigener Erfahrung, dass es nicht gerade eine Kleinigkeit ist, ein wirklich fotorealistisches Auto mit allen Reflektionen und environment maps zu rendern. Außerdem habe ich wieder angefangen, mit Acryl zu malen (bisher – zur Übung – lediglich Stilleben), und auch da muß ich sagen, dass solche Maler wie die von mir erwähnten neben einer gewissen malerischen Technik doch auch eine „archaische“ Energie in ihren Bildern haben, auch wenn mir, um nur ein Beispiel zu wählen, die absichtlich auf dem Kopf stehenden Bilder von Georg Baselitz nicht übermäßig gefallen.

Darüber hinaus muß ich zugeben, dass – im Gegensatz zum Arbeiten mit einem Grafikprogramm wie Gimp oder Photoshop – das Malen mit Pinsel und Farbe seinen ganz eigenen Reiz hat und deshalb auch durch die neuen digitalen Medien wohl kaum verdrängt werden wird. Nichts desto weniger bleibe ich doch bei meiner Einschätzung, dass es der Kunst von heute oft an Tiefgang und – soll ich das überhaupt sagen? – Spiritualität fehlt. Und: Was ich bei einer Google-Suche nach „spiritueller Kunst“ im Internet finde, ist oft dermaßen süßlich, um nicht zu sagen: kitschig, dass ich mich frage, was hier eigentlich los ist. Ich will mich an dieser Stelle nicht wiederholen, aber ich frage mich doch, wo in unserer Zeit Anfang des 21. Jahrhunderts die – digital oder nicht – Künstler sind, die deutlich über den Durchschnitt hinausragen. Sind in unserer Zeit die Genies vom Kaliber eines van Gogh so selten geworden („ausgestorben“ mag ich ja gar nicht schreiben)?

Schwierig. Ich nehme – das ist wie gesagt eine subjektive Einschätzung – in allen kreativen Bereichen eine Verflachung der Inhalte wahr. Wo sind die überdurchschnittlich Begabten, die Visionäre? Wo sind Ausnahmeerscheinungen wie Charlie Parker (der jedoch – ungeachtet seiner immensen Begabung – mit lediglich vierunddreißig Jahren unter tragischen Umständen im Hotel Stanhope in New York verstarb und der seit seiner Jugend heroinabhängig war), um einmal ein Beispiel aus der Musik zu bringen? Ist das am Ende zuviel verlangt? Müssen wir uns mit der kreativen Verflachung abgeben? Ich meine nicht.

Gedanken zum Technischen

Da ich mich gerade verstärkt wieder mit Malerei beschäftige, sind mir da einige Gedanken gekommen, die ich hier einmal versuchen will, darzulegen. In „Perspektiven – ein Nachtrag“ habe ich geschrieben: „Mit Pinsel und Farbe malen kann praktisch jeder [ … ].“ Aber: „Allerdings ist das beim Malen ja nicht anders; auch da muß man sich die erforderliche Technik zuerst erarbeiten.“ Gerade diese erforderliche Technik, die noch in vergangenen Jahrhunderten eine Selbstverständlichkeit war, scheint im Verlauf des 20. Jahrhundert mehr und mehr verloren gegangen zu sein. Hier nun tritt mehr als einmal das Phänomen auf, dass ein Bruch mit der Tradition zur Modeerscheinung wird und eine solide malerische Technik gar nicht mehr gefragt ist. Als Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum mögen etwa die Gemälde von Georg Baselitz oder Markus Lüpertz dienen, ein Beispiel aus dem anglo-amerikanischen Raum wäre etwa Jean-Michel Basquiat.

In der Computergrafik haben wir dagegen das Phänomen, dass sogar Hobby-User teilweise ein beachtliches technisches Niveau erreicht habe; was hier allerdings fehlt, ist das Künstlerische. So sind denn auch die Ergebnisse dieser Bemühungen oft mehr oder weniger banal. Tonnenweise fotorealistische Autos, Monster oder Raumschiffe, Fantasy-Sujets – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Im Profi-Bereich ist das technische Niveau nun inzwischen so atemberaubend, dass wirklich kaum noch etwas unmöglich scheint, aber auch hier ist der Fokus vorwiegend auf dem Fotorealistischen. Freie künstlerische Arbeiten wird man hier vergebens suchen. Dieser Zustand ist denn auch das, was ich bemängle: dass bei aller technischen Virtuosität auf rein künstlerischem Gebiet keine Weiterentwicklung stattfindet. Und „Weiterentwicklung“ bedeutet ja auch, dass hier wenigstens ein Anfang gemacht wurde. Wo sind aber – ich weiß, dass ich mich hier wiederhole – die bildenden Künstler, die mit dem digitalen Medium arbeiten? Die sich soweit in die Materie eingearbeitet haben, dass das Technische kein Problem mehr darstellt, sondern dass es ein Mittel ist, dem künstlerischen Wollen Ausdruck zu verschaffen?

Auf der Website der renommierten US-amerikanischen Konferenz SIGGRAPH finden sich ab und an Beispiele von – meist abstrakter – digitaler Kunst, die ich aber vom Niveau her eher als – mehr oder weniger geglückte – Versuche einordnen möchte. Ganz allgemein scheint mir – auch in Bezug auf die Malerei – die Frage wichtig, wie denn eine zeitgenössische Kunst auszusehen hätte? Auf diese ganz grundsätzliche Frage eine Antwort zu finden, scheint schwierig bis unmöglich. Trotzdem ist dies eine der Fragen, auf die, wie ich meine, eine schlüssige Antwort zu finden bleibt.