Perspektiven – ein Nachtrag

Quasi als Nachtrag meines letzten Beitrags „Perspektiven“ habe ich das Bedürfnis, noch ein paar Dinge anzumerken. Zum einen war ich (meiner Meinung nach) etwas zu kritisch. Da ich selbst dabei bin, mich in das 3D-Programm Blender einzuarbeiten, weiß ich aus eigener Erfahrung, dass es alles andere als eine Kleinigkeit ist, Szenen wirklich fotorealistisch zu texturieren, zu beleuchten und zu rendern. Darüber hinaus ist mir jetzt ein Satz untergekommen, den Wassily Kandinsky, einer der Pioniere der abstrakten Malerei, in seinem 1912 erstmals erschienenen Buch „Über das Geistige in der Kunst“ geschrieben hat.

Zitat:

„Jedes Kunstwerk ist Kind seiner Zeit [ … ]. So bringt jede Kunstperiode eine eigene Kunst zustande, die nicht wiederholt werden kann.“ – Wassily Kandinsky

Im Lichte dieses Zitats ist es vielleicht nicht ganz sinnvoll, aus der Kunstgeschichte (d. h. aus der Vergangenheit) Beispiele heranzuziehen, die uns in der Gegenwart eine Lehre hin zu schöpferischem (d. h. in künstlerischer Hinsicht schöpferischem) Handeln sein sollen. Es scheint ganz so, als müsse jede Periode ihre ganz eigene Kunst selbst schaffen, und da wir nun inzwischen in einer mehr und mehr digitalisierten Welt leben, ist es nur folgerichtig, wenn daraus auch ein digitale Kunst hervorgeht. Dass viele zeitgenössische Künstler das noch nicht erkannt haben, steht auf einem anderen Blatt. Insofern ist meine eigene Einschätzung nicht ganz unrichtig.

Aber wie soll denn nun diese – relativ neue – digitale Kunst aussehen? Ist sie abstrakt, oder ist sie gegenständlich – oder beides? Das ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt wohl noch nicht eindeutig zu sagen. Fest steht, dass viele Künstler das digitale Medium noch nicht als das Mittel der Wahl begriffen haben. Nach eigener Erfahrung kann ich nur vermuten, dass gerade die oft jahrelange Einarbeitung eine große Hemmschwelle für viele Künstler darstellen mag. Mit Pinsel und Farbe malen kann praktisch jeder, sich in ein so komplexes Programm wie – um nur ein Beispiel zu nennen – Photoshop einzuarbeiten (von einem 3D-Programm ganz zu schweigen), erfordert viel Geduld, da man, um Erfolgserlebnisse zu haben, zuerst einmal die Anfangsschwierigkeiten überwinden muß. Allerdings ist das beim Malen ja nicht anders; auch da muß man sich die erforderliche Technik zuerst erarbeiten.

Wo liegen also die Gründe für ein Noch-Nicht-Vorhandensein digitaler Kunst, die es in ihrer Tiefe und Ausdruckskraft mit den besten Beispielen traditioneller Medien wie Malerei oder Fotografie aufnehmen könnte? Sind es etwa Berührungsängste, das Gefühl, das Digitale sei etwa kalt und seelenlos? Die Antwort ist nur schwer zu finden. Es scheint mir jedoch das Gebot der Stunde zu sein, dass solch eine Antwort überfällig ist.

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