Perspektiven

Nach meinem Beitrag “Fotorealismus?“ habe ich versucht, im Internet Beispiele digitaler Kunst zu finden, die in ihrer Qualität der modernen Malerei gleichwertig sind – leider vergebens. Das vorherrschende Prinzip – gerade in der 3D-Grafik – scheint doch der Fotorealismus zu sein, und es scheint beinahe so, als ob es nichts anderes gäbe. „Fotorealismus“ heißt aber auch, 2500 Jahre Kunstgeschichte zu ignorieren. Ich würde hier gern aktuelle Beispiele digitaler Kunst posten, aber da ist leider das Problem mit dem Copyright, und wer gibt schon gern die Erlaubnis, wenn er weiß, dass er bei der nachfolgenden Besprechung nicht so gut wegkommen wird?

Nachdem ich in meinem Beitrag „Fotorealismus“ bereits Beispiele von van Gogh und Modigliani gepostet habe, sei an dieser Stelle noch der Verweis auf zwei weitere Werke erlaubt, die eben diese Tiefe im Ausdruck besitzen, die der digitalen Kunst so oft abgeht.

Das erste Beispiel ist ein vermutliches Selbstportrait (die Autorschaft steht jedoch, wie mir die Staatsgalerie Stuttgart in einer Email mitteile, selbst für Fachleute nicht ganz eindeutig fest) von Rembrandt.

Werkstatt des Rembrandt Harmensz. van Rijn: „Selbstbildnis mit roter Mütze“ (um 1660). Öl auf Leinwand, 68 x 56,5 cm, Staatsgalerie Stuttgart.

Das zweite Beispiel ist die „Heilige Ursula“ von dem meiner Ansicht nach viel zu wenig bekannten, in Olmütz/Mähren geborenen Adolf Hölzel, der nach einer Zeit in der Künstlerkolonie in Dachau 1905 an die Stuttgarter Akademie berufen wurde, wo er fortan als Lehrer wirkte. Zu seinen Schülern gehören Maler wie Oskar Schlemmer, Johannes Itten, Ida Kerkovius oder Willi Baumeister. Hölzel gilt neben seiner pädagogischen Tätigkeit – Jahre vor Kandinsky – als ein Wegbereiter der abstrakten Malerei in Deutschland („Komposition in Rot“). Darüber hinaus verfaßte Hölzel umfangreiche kunsttheoretische Schriften, die sich inzwischen im Besitz der Adolf-Hölzel-Stiftung befinden (der sog. „kunsttheoretische Nachlaß“).

Hier jedenfalls das Gemälde der Legende von der „Heiligen Ursula“, von dem es mehrere Fassungen gibt. Die hier gezeigte befindet sich im Besitz des Kunstmuseums Stuttgart.

Adolf Hölzel: „Heilige Ursula“ (1914/15). Öl auf Leinwand, 84 x 68 cm, Kunstmuseum Stuttgart.

Was bei beiden Beispielen auffällt (und was bei der digitalen Kunst von heute gänzlich zu fehlen scheint), ist die Betonung des geistig-spirituellen Moments (bei Hölzel kommt noch das Religiöse hinzu). Dieses Moment ist es denn auch, das „große“ Kunst vom Durchschnitt trennt und das auch in der Malerei der Gegenwart – leider – Mangelware ist.

Während ich dies schreibe, frage ich mich, ob ich von der digitalen Kunst nicht zuviel verlange, ist sie, wie ich an anderer Stelle bereits dargelegt habe, doch erst knappe siebzig Jahre alt. Auf der anderen Seite muß man aber sehen, dass die digitale Kunst ja nicht von Null angefangen hat, sondern – so sie denn will – auf eine zumindest Jahrhunderte lange Tradition aufbauen kann, und nachdem die rein technischen Probleme mittlerweile weitgehend überwunden sind, wäre es meiner Ansicht nach das Gebot der Stunde, dass sich Künstler finden, die bisher traditionell mit Pinsel und Leinwand gearbeitet haben, die sich nun dem relativ neuen digitalen Medium zuwenden. Über die Gründe, weshalb dem augenscheinlich (noch) nicht so ist, mag man spekulieren. Ob Künstler die jahrelange Einarbeitung in das digitale Medium scheuen oder die digitale Kunst in der breiten Öffentlichkeit eben noch nicht so akzeptiert wird, weiß ich nicht. Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass mehr Künstler das Wagnis eingehen und die Möglichkeiten, die das digitale Medium bietet, nutzen, um künstlerisch neue, bisher noch unentdeckte Wege zu gehen. Das Werkzeug dazu ist jedenfalls vorhanden.

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Fotorealismus?

Während Fotorealismus in der Malerei lediglich einen Spezialfall darstellt – er kam erst in den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren auf -, ist er in der aktuellen 3D-Grafik so etwas wie der heilige Gral. Das ist an sich erst mal nichts Verwerfliches – das Problem ist nur, wenn man dabei stehenbleibt. Mittlerweile hat die 3D-Grafik ja ein Level erreicht, bei dem digitale Charaktere nicht mehr von gefilmten Schauspielern zu unterscheiden sind – oder wenn, dann sind die Unterschiede wirklich minimal. Filme wie der 2017 herausgekommene “Blade Runner 2049“ und die von der Visual FX-Firma Double Negative für diesen Film erzeugten digitalen Schauspieler zeigen exemplarisch, welches Niveau wir mittlerweile erreicht haben.

Das bringt mich aber zu einem Problem, das ich bereits in meinem Beitrag “Analoge und digitale Kunst“ angeschnitten habe, nämlich dass es – noch – an bildenden Künstlern fehlt, die sich der neuen Medien (und hier vor allem der Computergrafik) bedienen, um darin einen eigenen künstlerischen Ausdruck zu finden. In der Malerei scheint alles erreicht, und ich habe beinahe den Eindruck, dass wir uns in einer Phase der künstlerischen Stagnation befinden, und dass es nun darum geht, sich neu zu orientieren.

Ich persönlich wünsche mir Künstler, die – vor dem Hintergrund dessen, was die Malerei bereits erreicht hat und im Bewußtsein einer zumindest Jahrhunderte alten Tradition – mit den neuen Medien zu einem tieferen künstlerischen Ausdruck finden, der den Fotorealismus hinter sich läßt. Fotorealismus ist für mich, wenn überhaupt, nur als etwas erstrebenswert, das der Technik dient. Es ist gut, wenn man es beherrscht, aber es ist nicht gut, dabei stehenzubleiben. Kreativität – gerade im Bereich „Portrait“ – bedeutet für mich, das gewählte Medium zu nutzen, um einen ganz eigenen künsterischen Ausdruck zu finden. Fotorealismus ist für mich per se etwas völlig Unkünstlerisches und – wie schon gesagt – nur unter rein technischen Aspekten Erstrebenswertes.

Als ein Beispiel von vielen mag das folgende Selbstportrait von Vincent van Gogh von 1889 dienen, das inzwischen im Musée d‘Orsay ausgestellt ist.

Hier, wie in seinem ganzen Werk, macht van Gogh nicht einmal den Versuch einer Annäherung an so etwas wie Fotorealismus. Schon allein der vibrierende Hintergrund ist ganz in den Dienst eines eminenten künstlerischen Ausdruckwillens gestellt. Das ganze Bild scheint zu vibrieren, allein der Kopf stellt einen Ruhepol dar. Das ist denn meiner Ansicht nach auch das beste Selbstportrait, das uns van Gogh hinterlassen hat. Van Gogh schrieb an seine Schwester:„Ich suche eine tiefere Ähnlichkeit als die, die der Fotograf erhält“.

Ein weiteres Beispiel ist ein Portrait der Jeanne Hébuterne von Amedeo Modigliani, in dem der Maler ganz bewußt anatomische Unmöglichkeiten wie die viel zu lange Nase und den ebenfalls viel zu langen Hals einsetzt.

Ich frage mich da: Wo sind die digitalen Künstler, die so etwas wagen, die sich von dem scheinbaren Zwang zum Fotorealistischen befreien? Und: Wie lange müssen wir noch warten, bis etablierte Kunstgalerien und Museen sich den digitalen Medien öffnen und diesen einen neben den „konventionellen“ Medien wie Malerei oder Bildhauerei gleichwertigen Status einräumen? Wir müssen vermutlich noch so lange warten, bis digitale Künstler auf der Bildfläche erscheinen, deren Ausdruckswille so stark und deren Werke so überzeugend sind, dass Galerien und Museen nicht mehr daran vorbeikommen. Wie lange wir da warten müssen, steht allerdings in der Sternen.

Noch ein Wort zum Thema Copyright: Wie mir die VG Bild-Kunst mitgeteilt hat, sind die beiden hier abgebildeten Gemälde nicht mehr urheberrrechtlich geschützt.