Analoge und digitale Kunst

Nachdem ich mich inzwischen seit 1980 mit bildender Kunst und hier vor allem der Malerei auseinandersetze, beschäftigt mich ein Thema immer wieder: dass es noch wenige Künstler von Rang gibt, die mit dem relativ neuen digitalen Medium arbeiten. Auch hat die digitale Kunst in Museen und Galerien noch nicht die Anerkennung gefunden wie etwa Malerei, Bildhauerei oder Fotografie. Über die Gründe mag man spekulieren; es gibt dazu m. W. noch keine fundierte Untersuchung. Ein Grund hierfür könnte der sein, dass es in der relativ neuen Computergrafik rein vom zeitlichen Aspekt her gesehen noch gar nicht die Möglichkeit gab, Standards wie etwa in der Malerei zu etablieren, die ja auf eine Jahrhunderte umfassende Geschichte zurückblicken darf.

Dem Standardwerk CG 101 von Terrence Masson nach entstand die allererste Radiosity-Grafik von Moon und Spencer 1948 am MIT. Die theoretischen Grundlagen hierfür wurden 1934 – also vierzehn Jahre früher – von H. H. Higbie in seinem Buch „Lighting Calculations“ veröffentlicht. 1950 kreierte der amerikanische Künstler Ben F. Laposky unter Zuhilfenahme eines Oszilloskops die wohl ersten elektronisch erzeugten Kunstwerke, die er „Oszillons“ nannte. Nur sieben Jahre später – 1957 – schuf Russel Kirsch das erste bildbearbeitete („image-processed“) Foto und legte damit die Grundlage für den 1990 von John und Thomas Knoll auf den Markt gebrachten Photoshop. Nur fünf Jahre vor dem Erscheinen von Photoshop, also 1985, kam der Amiga auf den Markt, für den u. a. die Grafikprogramme Sculpt 3D und Deluxe Paint II verfügbar waren. Damit wurde Computergrafik auch für Künstler erschwinglich. So hat Andy Warhol ein Portrait der Sängerin Debbie Harry am Amiga verfremdet, und nicht nur einer der später etablierten Namen in Computergrafik und Visual FX hat mit einem Amiga angefangen.

Im Verlauf der Achtzigerjahre wurden auch so wichtige Firmen wie Alias Research (später: Alias|Wavefront und noch später einfach Alias®) und Silicon Graphics gegründet. Alias Research sollte 1998 das High-end-3D-Programm Maya herausbringen, Silicon Graphics etablierte sich als Hersteller von High-end-Grafikstationen.

Inzwischen ist die Entwicklung gerade im High-end-Bereich so rasant fortgeschritten, dass nichts mehr unmöglich scheint. Eine der meiner Ansicht nach spannendsten Entwicklungen ist hier die Arbeit an glaubwürdigen digitalen Charakteren, die von richtigen Menschen nicht mehr unterschieden werden können. Die Technik ist also da, aber wo sind die Künstler, die diese Technik auch nutzen? Wo, so frage ich mich, sind die bildenden Künstler, die mit den neuen digitalen Medien arbeiten, Künstler wie Vincent van Gogh, wie Henri Matisse, wie Amedeo Modigliani, wie Alberto Giacometti? Wo ist der Charlie Parker des Digital Age? Leben wir gar derzeit in einer Phase der künstlerischen Stagnation, in der alles zu Sagende gesagt ist und eine neue Perspektive fehlt? Es scheint fast so.

Ich bin ja kein Kunsthistoriker, der den Sachverhalt wohl genauer beleuchten könnte; ich stelle hier nur einmal die von mir aufgeworfenen Punkte zur Diskussion, in der stillen Hoffnung, dass uns das einen Schritt weiter bringt. Ein Aspekt, den ich hier noch gar nicht angeschnitten habe, ist der, dass die digitalen Medien, allen voran die 3D-Grafik, eben eine gewisse Einarbeitungszeit benötigen, die bildende Künstler, wie etwa Maler, um nur ein Beispiel zu nehmen, vielleicht nicht gewillt sind auf sich zu nehmen. Ich meine, ich weiß es nicht; es ist eben ein möglicher Aspekt unter vielen. Ein anderer Aspekt wäre etwa der, dass freie Künstler mangels Einblick in die Materie die Möglichkeiten der digitalen Medien (noch?) nicht sehen. Wie schon gesagt: Ich weiß es nicht. Ich würde mir aber wünschen, dass Künstler, die sich bisher nur mit „analogen“ Medien auseinandergesetzt haben, auch einen Zugang zu den neuen digitalen Medien finden. Nur so, meine ich, könnten sich so etwas wie künstlerische Standards entwickeln, die sich gegenüber denen der etablierten Medien wie Malerei behaupten können.

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