Kontrovers

Ich habe festgestellt, dass das im Augenblick bei mir das Phänomen einstellt, dass ich zuerst einen kritischen Artikel schreibe, in dem ich meinen Unmut über die gegenwärtige Situation der digitalen (sofern schon vorhanden) und „analogen“ (ein schreckliches Wort; aber was sollte ich statt dessen schreiben? „traditionell“? „etabliert“? hmm … schwierig) ausdrücke – nur um im Nachhinein festzustellen, dass ich es mir da doch etwas zu einfach gemacht habe. Ich bin ja gerade selbst dabei, mich in das 3D-Programm Blender 2.79b einzuarbeiten und weiß aus eigener Erfahrung, dass es nicht gerade eine Kleinigkeit ist, ein wirklich fotorealistisches Auto mit allen Reflektionen und environment maps zu rendern. Außerdem habe ich wieder angefangen, mit Acryl zu malen (bisher – zur Übung – lediglich Stilleben), und auch da muß ich sagern, dass solche Maler wie die von mir erwähnten neben einer gewissen malerischen Technik doch auch eine „archaische“ Energie in ihren Bildern haben, auch wenn mir, um nur ein Beispiel zu wählen, die absichtlich auf dem Kopf stehenden Bilder von Georg Baselitz nicht übermäßig gefallen.

Darüber hinaus muß ich zugeben, dass – im Gegensatz zum Arbeiten mit einem Grafikprogramm wie Gimp oder Photoshop – das Malen mit Pinsel und Farbe seinen ganz eigenen Reiz hat und deshalb auch durch die neuen digitalen Medien wohl kaum verdrängt werden wird. Nichts desto weniger bleibe ich doch bei meiner Einschätzung, dass es der Kunst von heute oft an Tiefgang und – soll ich das überhaupt sagen? – Spiritualität fehlt. Und: Was ich bei einer Google-Suche nach „spiritueller Kunst“ im Internet finde, ist oft dermaßen süßlich, um nicht zu sagen: kitschig, dass ich mich frage, was hier eigentlich los ist. Ich will mich an dieser Stelle nicht wiederholen, aber ich frage mich doch, wo in unserer Zeit Anfang des 21. Jahrhunderts die – digital oder nicht – Künstler sind, die deutlich über den Durchschnitt hinausragen. Sind in unserer Zeit die Genies vom Kaliber eines van Gogh so selten geworden („ausgestorben“ mag ich ja gar nicht schreiben)?

Schwierig. Ich nehme – das ist wie gesagt eine subjektive Einschätzung – in allen kreativen Bereichen eine Verflachung der Inhalte wahr. Wo sind die überdurchschnittlich Begabten, die Visionäre? Wo sind Ausnahmeerscheinungen wie Charlie Parker (der jedoch – ungeachtet seiner immensen Begabung – mit lediglich vierunddreißig Jahren unter tragischen Umständen im Hotel Stanhope in New York verstarb und der seit seiner Jugend heroinabhängig war), um einmal ein Beispiel aus der Musik zu bringen? Ist das am Ende zuviel verlangt? Müssen wir uns mit der kreativen Verflachung abgeben? Ich meine nicht.

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Gedanken zum Technischen

Da ich mich gerade verstärkt wieder mit Malerei beschäftige, sind mir da einige Gedanken gekommen, die ich hier einmal versuchen will, darzulegen. In „Perspektiven – ein Nachtrag“ habe ich geschrieben: „Mit Pinsel und Farbe malen kann praktisch jeder [ … ].“ Aber: „Allerdings ist das beim Malen ja nicht anders; auch da muß man sich die erforderliche Technik zuerst erarbeiten.“ Gerade diese erforderliche Technik, die noch in vergangenen Jahrhunderten eine Selbstverständlichkeit war, scheint im Verlauf des 20. Jahrhundert mehr und mehr verloren gegangen zu sein. Hier nun tritt mehr als einmal das Phänomen auf, dass ein Bruch mit der Tradition zur Modeerscheinung wird und eine solide malerische Technik gar nicht mehr gefragt ist. Als Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum mögen etwa die Gemälde von Georg Baselitz oder Markus Lüpertz dienen, ein Beispiel aus dem anglo-amerikanischen Raum wäre etwa Jean-Michel Basquiat.

In der Computergrafik haben wir dagegen das Phänomen, dass sogar Hobby-User teilweise ein beachtliches technisches Niveau erreicht habe; was hier allerdings fehlt, ist das Künstlerische. So sind denn auch die Ergebnisse dieser Bemühungen oft mehr oder weniger banal. Tonnenweise fotorealistische Autos, Monster oder Raumschiffe, Fantasy-Sujets – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Im Profi-Bereich ist das technische Niveau nun inzwischen so atemberaubend, dass wirklich kaum noch etwas unmöglich scheint, aber auch hier ist der Fokus vorwiegend auf dem Fotorealistischen. Freie künstlerische Arbeiten wird man hier vergebens suchen. Dieser Zustand ist denn auch das, was ich bemängle: dass bei aller technischen Virtuosität auf rein künstlerischem Gebiet keine Weiterentwicklung stattfindet. Und „Weiterentwicklung“ bedeutet ja auch, dass hier wenigstens ein Anfang gemacht wurde. Wo sind aber – ich weiß, dass ich mich hier wiederhole – die bildenden Künstler, die mit dem digitalen Medium arbeiten? Die sich soweit in die Materie eingearbeitet haben, dass das Technische kein Problem mehr darstellt, sondern dass es ein Mittel ist, dem künstlerischen Wollen Ausdruck zu verschaffen?

Auf der Website der renommierten US-amerikanischen Konferenz SIGGRAPH finden sich ab und an Beispiele von – meist abstrakter – digitaler Kunst, die ich aber vom Niveau her eher als – mehr oder weniger geglückte – Versuche einordnen möchte. Ganz allgemein scheint mir – auch in Bezug auf die Malerei – die Frage wichtig, wie denn eine zeitgenössische Kunst auszusehen hätte? Auf diese ganz grundsätzliche Frage eine Antwort zu finden, scheint schwierig bis unmöglich. Trotzdem ist dies eine der Fragen, auf die, wie ich meine, eine schlüssige Antwort zu finden bleibt.

Perspektiven – ein Nachtrag

Quasi als Nachtrag meines letzten Beitrags „Perspektiven“ habe ich das Bedürfnis, noch ein paar Dinge anzumerken. Zum einen war ich (meiner Meinung nach) etwas zu kritisch. Da ich selbst dabei bin, mich in das 3D-Programm Blender einzuarbeiten, weiß ich aus eigener Erfahrung, dass es alles andere als eine Kleinigkeit ist, Szenen wirklich fotorealistisch zu texturieren, zu beleuchten und zu rendern. Darüber hinaus ist mir jetzt ein Satz untergekommen, den Wassily Kandinsky, einer der Pioniere der abstrakten Malerei, in seinem 1912 erstmals erschienenen Buch „Über das Geistige in der Kunst“ geschrieben hat.

Zitat:

„Jedes Kunstwerk ist Kind seiner Zeit [ … ]. So bringt jede Kunstperiode eine eigene Kunst zustande, die nicht wiederholt werden kann.“ – Wassily Kandinsky

Im Lichte dieses Zitats ist es vielleicht nicht ganz sinnvoll, aus der Kunstgeschichte (d. h. aus der Vergangenheit) Beispiele heranzuziehen, die uns in der Gegenwart eine Lehre hin zu schöpferischem (d. h. in künstlerischer Hinsicht schöpferischem) Handeln sein sollen. Es scheint ganz so, als müsse jede Periode ihre ganz eigene Kunst selbst schaffen, und da wir nun inzwischen in einer mehr und mehr digitalisierten Welt leben, ist es nur folgerichtig, wenn daraus auch ein digitale Kunst hervorgeht. Dass viele zeitgenössische Künstler das noch nicht erkannt haben, steht auf einem anderen Blatt. Insofern ist meine eigene Einschätzung nicht ganz unrichtig.

Aber wie soll denn nun diese – relativ neue – digitale Kunst aussehen? Ist sie abstrakt, oder ist sie gegenständlich – oder beides? Das ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt wohl noch nicht eindeutig zu sagen. Fest steht, dass viele Künstler das digitale Medium noch nicht als das Mittel der Wahl begriffen haben. Nach eigener Erfahrung kann ich nur vermuten, dass gerade die oft jahrelange Einarbeitung eine große Hemmschwelle für viele Künstler darstellen mag. Mit Pinsel und Farbe malen kann praktisch jeder, sich in ein so komplexes Programm wie – um nur ein Beispiel zu nennen – Photoshop einzuarbeiten (von einem 3D-Programm ganz zu schweigen), erfordert viel Geduld, da man, um Erfolgserlebnisse zu haben, zuerst einmal die Anfangsschwierigkeiten überwinden muß. Allerdings ist das beim Malen ja nicht anders; auch da muß man sich die erforderliche Technik zuerst erarbeiten.

Wo liegen also die Gründe für ein Noch-Nicht-Vorhandensein digitaler Kunst, die es in ihrer Tiefe und Ausdruckskraft mit den besten Beispielen traditioneller Medien wie Malerei oder Fotografie aufnehmen könnte? Sind es etwa Berührungsängste, das Gefühl, das Digitale sei etwa kalt und seelenlos? Die Antwort ist nur schwer zu finden. Es scheint mir jedoch das Gebot der Stunde zu sein, dass solch eine Antwort überfällig ist.

Perspektiven

Nach meinem Beitrag “Fotorealismus?“ habe ich versucht, im Internet Beispiele digitaler Kunst zu finden, die in ihrer Qualität der modernen Malerei gleichwertig sind – leider vergebens. Das vorherrschende Prinzip – gerade in der 3D-Grafik – scheint doch der Fotorealismus zu sein, und es scheint beinahe so, als ob es nichts anderes gäbe. „Fotorealismus“ heißt aber auch, 2500 Jahre Kunstgeschichte zu ignorieren. Ich würde hier gern aktuelle Beispiele digitaler Kunst posten, aber da ist leider das Problem mit dem Copyright, und wer gibt schon gern die Erlaubnis, wenn er weiß, dass er bei der nachfolgenden Besprechung nicht so gut wegkommen wird?

Nachdem ich in meinem Beitrag „Fotorealismus“ bereits Beispiele von van Gogh und Modigliani gepostet habe, sei an dieser Stelle noch der Verweis auf zwei weitere Werke erlaubt, die eben diese Tiefe im Ausdruck besitzen, die der digitalen Kunst so oft abgeht.

Das erste Beispiel ist ein vermutliches Selbstportrait (die Autorschaft steht jedoch, wie mir die Staatsgalerie Stuttgart in einer Email mitteile, selbst für Fachleute nicht ganz eindeutig fest) von Rembrandt.

Werkstatt des Rembrandt Harmensz. van Rijn: „Selbstbildnis mit roter Mütze“ (um 1660). Öl auf Leinwand, 68 x 56,5 cm, Staatsgalerie Stuttgart.

Das zweite Beispiel ist die „Heilige Ursula“ von dem meiner Ansicht nach viel zu wenig bekannten, in Olmütz/Mähren geborenen Adolf Hölzel, der nach einer Zeit in der Künstlerkolonie in Dachau 1905 an die Stuttgarter Akademie berufen wurde, wo er fortan als Lehrer wirkte. Zu seinen Schülern gehören Maler wie Oskar Schlemmer, Johannes Itten, Ida Kerkovius oder Willi Baumeister. Hölzel gilt neben seiner pädagogischen Tätigkeit – Jahre vor Kandinsky – als ein Wegbereiter der abstrakten Malerei in Deutschland („Komposition in Rot“). Darüber hinaus verfaßte Hölzel umfangreiche kunsttheoretische Schriften, die sich inzwischen im Besitz der Adolf-Hölzel-Stiftung befinden (der sog. „kunsttheoretische Nachlaß“).

Hier jedenfalls das Gemälde der Legende von der „Heiligen Ursula“, von dem es mehrere Fassungen gibt. Die hier gezeigte befindet sich im Besitz des Kunstmuseums Stuttgart.

Adolf Hölzel: „Heilige Ursula“ (1914/15). Öl auf Leinwand, 84 x 68 cm, Kunstmuseum Stuttgart.

Was bei beiden Beispielen auffällt (und was bei der digitalen Kunst von heute gänzlich zu fehlen scheint), ist die Betonung des geistig-spirituellen Moments (bei Hölzel kommt noch das Religiöse hinzu). Dieses Moment ist es denn auch, das „große“ Kunst vom Durchschnitt trennt und das auch in der Malerei der Gegenwart – leider – Mangelware ist.

Während ich dies schreibe, frage ich mich, ob ich von der digitalen Kunst nicht zuviel verlange, ist sie, wie ich an anderer Stelle bereits dargelegt habe, doch erst knappe siebzig Jahre alt. Auf der anderen Seite muß man aber sehen, dass die digitale Kunst ja nicht von Null angefangen hat, sondern – so sie denn will – auf eine zumindest Jahrhunderte lange Tradition aufbauen kann, und nachdem die rein technischen Probleme mittlerweile weitgehend überwunden sind, wäre es meiner Ansicht nach das Gebot der Stunde, dass sich Künstler finden, die bisher traditionell mit Pinsel und Leinwand gearbeitet haben, die sich nun dem relativ neuen digitalen Medium zuwenden. Über die Gründe, weshalb dem augenscheinlich (noch) nicht so ist, mag man spekulieren. Ob Künstler die jahrelange Einarbeitung in das digitale Medium scheuen oder die digitale Kunst in der breiten Öffentlichkeit eben noch nicht so akzeptiert wird, weiß ich nicht. Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass mehr Künstler das Wagnis eingehen und die Möglichkeiten, die das digitale Medium bietet, nutzen, um künstlerisch neue, bisher noch unentdeckte Wege zu gehen. Das Werkzeug dazu ist jedenfalls vorhanden.